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Apomorphin: Vom Emetikum zur Potenztablette

Der bisher einzige Wirkstoff zur Therapie der erektilen Dysfunktion (Sildenafil) (Anm. P-O: Viagra) erhält nun mit Apomorphin Konkurrenz. Die ehemals als Emetikum (Anm. P-O: Brechmittel) eingesetzte Substanz wird in niedriger Dosierung sublingual (Anm. P-O: aus dem Lateinischen sub=unter, lingua=Zunge) verabreicht, ist charakterisiert durch eine zentrale und schnelle Wirkung, gewissermaßen fehlende Medikamenten-Interaktionen und Kontraindikationen.

Die Apomorphinhydrochlorid-Sublingualtabletten wurden von einem Gemeinschaftsunternehmen der Abbott Laboratories und Takeda Chemical Industries entwickelt und kommen unter verschiedenen Namen (Uprima ®, Abbott, Ixense ®, Takeda) auf den deutschen Markt. Der Preis einer Einzeldosis wird nach Firmenangaben dem von Sildenafil vergleichbar sein. Angeboten werden die Wirkstärken 2 mg und 3 mg. In höheren Dosen geht die Selektivität zurück.

Das Wirkprinzip erläuterte Prof. Christian Stief (Hannover) bei einer Veranstaltung der Firma Abbott in Frankfurt/Main: In der angebotenen Dosierung wirkt Apomorphin als Dopamin-Rezeptor-Agonist (Anm.P-O: Dopamin=Neurotransmitter bzw. Botenstoff, Rezeptor=spezielle Zellstruktur für die Bindung von Partikeln, Agonist=Substanz die einen Transmitter - hier Dopamin - in seiner Wirkung verstärkt) überwiegend über die Subgruppe der D2-Rezeptoren in Großhirnrinde, Nucleus paraventricularis und auf Rückenmarkniveau; mithin werden sexuelle Stimuli zentral verstärkt.

In höheren Dosen geht die „Selektivität“ zurück, weil dann auch Dopamin-D1-Rezeptoren besetzt werden und unerwünschte Arzneimittelwirkungen in Form von Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Erbrechen auftreten können. Deshalb wird zum „Einstieg“ die niedrigere Dosierung empfohlen, eine zweite Dosis sollte erst nach acht Stunden eingenommen werden. Anders als Sildenafil, das seine Wirkung in der Peripherie entfaltet, setzt Apomorphin an den zentralen Mechanismen als „Verstärker“ der sexuellen Erregung an und verbessert darüber die Reizleitung für die Erektion in der Peripherie, solange die beteiligten Nerven funktionell intakt oder nur partiell geschädigt sind.

Rund 70 Prozent des Wirkstoffes sind – unabhängig von gleichzeitiger Nahrungsaufnahme – nach 20 Minuten absorbiert, die Wirkung erstreckt sich über etwa zwei Stunden. Nach Angaben von Prof. Gerd Ludwig (Frankfurt/Main) liegt die Responderrate in einer vergleichbaren Größenordnung wie bei Sildenafil. Es sei jedoch nicht vorauszusagen, bei welcher Gruppe von Patienten die erhoffte Wirkung tatsächlich eintrete, so der Urologe bei einer Veranstaltung der Takeda Pharma in Berlin.

Geprüft wurde Apomorphin in Studien mit über 5 000 Patienten und mehr als 150 000 Einzeldosen. Bei Patienten mit leichter und moderater erektiler Dysfunktion (ED) stieg dabei der Prozentsatz von Erektionen, die einen Geschlechtsverkehr erlauben, von einem Ausgangswert um 31 Prozent unter Placebo auf 46 Prozent und unter Verum (Anm. P-O: steht für das echte Medikamet) auf 60 Prozent. Bei schweren EDs sind stärkere Zunahmen dokumentiert.

Bei den Nebenwirkungen wurden in einer Studie mit 1 378 Patienten am häufigsten Übelkeit (6,8 Prozent), Kopfschmerz (6,7 Prozent) und Schwindel (4,4 Prozent) festgestellt. Die Reaktionen waren überwiegend leichterer und vorübergehender Art, wie Prof. Udo Jonas (Hannover) erklärte; sie führten nur in 4,3 Prozent zum Abbruch der Studie. Synkopen traten in zwei Promille der Fälle auf, waren aber nicht kardial bedingt, sondern durch einen vasovagalen Reflex. Die Substanz wirkt auch bei älteren Männern mit Diabetes, Hypertonus, kardiovaskulären Erkrankungen und benigner Prostatahyperplasie, wenn die vaskulären peripheren Störungen nicht zu stark sind. Ludwig nannte als einzige Kontraindikation die schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche) im instabilen Stadium. Vorsicht sei angebracht bei Hypotonikern; hier könne – speziell im Zusammenhang mit Alkohol – eine klinisch relevante Blutdrucksenkung eintreten. Aufgrund der unterschiedlichen Angriffspunkte der Wirksubstanzen ist für die Experten die Kombination von Apomorphin mit Sildenafil „denkbar“, um unterschiedlichen Störungen Rechnung zu tragen. Ob Apomorphin auch bei Frauen wirkt, ist noch unklar.
Dr. Renate Leinmüller

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe 43 vom 26.10.2001, Seite A-2826 / B-2406 / C-2252



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