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Arznei-Telegramm Oktober 2001: Pfizer verharmlost Probleme mit Viagra

Viele medizinische Zeitschriften finanzieren sich überwiegend aus der Anzeigenwerbung von Pharmaunternehmen. Dementsprechend 'leidet' die Unabhängigkeit der Berichterstattung in diesen Journalen. Das Arznei-Telegramm ist davon eine Ausnahme und ist nicht pharma-finanziert.
Dennoch kann man nicht alles unkritisch hinnehmen, was auch dieses Journal veröffentlicht. Wir haben uns deshalb erlaubt, einige Kommentare einzustreuen.
Das Arzneimittel-Telegramm sagt, es habe bereits weltweit 1070 Verdachtsberichte (in Deutschland 30) zu Todesfällen in Verbindung mit der Einnahme von Sildenafil ( VIAGRA ) gegeben.

Es lasse sich meist zwar nicht sichern, daß Viagra tatsächlich vor dem Tod eingenommen wurde, gestehen die Autoren ein, "Doch wer zählt die Todesfälle, bei denen nicht an das Potenzmittel als potenzielle Mitursache gedacht wird?" - so wird rhethorisch gefragt.

Zwischenbemerkung unsererseits: Wer zählt die Todesfälle bei Geschlechtsverkehr älterer Männer überhaupt?
Denn es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich in der Ekstase des "Gefechts" so mancher ältere Mann mehr anstrengt als ihm gut tut. Und das kann mit oder ohne Viagra vorkommen.
Auch ist die Logik merkwürdig, eine Unbekannte (Viagra-Einnahme vor dem Tod, ja oder nein?) mit einer weiteren Unbekannten (wurde überhaupt an Viagra als mögliche Todesursache gedacht, ja oder nein?) aufzuaddieren, um ein Gegenargument zu entkräften.

Jedoch zunächst weiter im Text der Kritiker:

"Durch behördliche Überwachung werden in Deutschland höchstens 3% der tatsächlich vorkommenden schwerwiegenden arzneibedingten Erkrankungen erfasst.", so lesen wir.
Nun, das wird daran liegen, daß es gewisse Dinge gibt, die sich nicht beliebig genau erfassen lassen, selbst in Deutschland nicht. Vermutlich gehen wir auch nicht fehl in der Annahme, daß die Geldmittel nicht ausreichen, eine Behörde zu schaffen, die hier lückenlos kontrolliert.

Kommen wir lieber zum Kern der Aussage des Arznei-Telegramms:

"Bezeichnend ist, dass Pfizer zudem versucht, Folgen des nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchs von Sildenafil aus der Risikobeurteilung auszuschließen. Bei 14 der 30 Todesfälle in Deutschland "lag sicher oder wahrscheinlich ein nicht bestimmungsgemäßer Gebrauch vor" (Komedikation mit Nitraten, schwere vorbestehende Herzerkrankung u.a.). Gerade weil jedoch seit Markteinführung Gegenanzeigen für Sildenafil - anscheinend indikationstypisch - ignoriert werden und sich dies offensichtlich nicht durch Informationsmaßnahmen verhindern lässt, ist Sildenafil ein bedenkliches Arzneimittel."

Gut, hier ist also ein Argument, mit dem man sich ernsthaft befassen muß. Im wesentlichen sagt man: Da in der Realität nicht verhindert werden kann, daß Viagra trotz Gegenanzeigen verschrieben und angewendet wird, sollte man es verbieten (denn genau das ist es, was man mit bedenklichen Arzneimitteln tut).

Wir können dieser Argumentation nicht folgen.

Viagra ist so sehr bekannt, daß man davon ausgehen kann, daß jeder Anwender über Gefahren, die mit der Einnahme verbunden sind, Bescheid weiß. Das Internet z.B. wimmelt nur so von allerlei Horrordarstellungen über die angeblich fürchterlichen Auswirkungen, die dieses Mittel haben kann.
Wie wäre es, wenn man einfach annehmen würde, daß der Einnahme von Viagra eine bewußte Entscheidung zugrundeliegt, die Risiken in Kauf zu nehmen, um die Vorteile genießen zu können? Die Entscheidung eines mündigen Bürgers also, die man akzeptieren muß und kann.

Es gibt ja auch andere Bereiche, in denen es mündigen Bürgern erlaubt ist, ein Risiko auf sich zu nehmen, um irgendetwas Ersehntes/Erwünschtes zu erhalten!

Wir denken an riskante Sportarten, aber auch an simples Auto- oder auch Motorradfahren.

Wir erinnern auch daran, daß es Medikamente gibt, die geradezu klassischerweise mißbraucht werden, z.B. Schlaftabletten für Selbstmord. Werden deshalb Schlaftabletten verboten?

Uns scheint eher ein Moralproblem der Autoren im Hintergrund zu stehen. Man hat ein Problem damit, ein Arzneimittel, das so offenkundig dem "Lustgewinn" dient, als solches anzuerkennen.
Arzneimittel, so der inhärente Gedanke der Autoren, haben dafür da zu sein, Gebrechen und Krankheiten zu lindern, ja womöglich zu heilen, d.h. also einen Zustand der Normalität herzustellen. Das soll nun aber nicht etwa so weit führen, daß die Leute Spaß dabei haben!!

Oho, nein, für Spaß sind Arzneimittel nicht "zuständig"!

Gut, wir folgen dieser Argumentation und plädieren dafür, Viagra aus dem Status eines Arzneimittels herauszunehmen und frei verkäuflich zu machen!

Warum eigentlich nicht?


Aus: Arznei-Telegramm, Oktober 2001
http://www.arznei-telegramm.de/zeit/0110_b.php3


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